Ricos Beine schlackerten, sein Blick wanderte unruhig umher, aber nein, er war nicht aufgeregt. Er würde alle anderen Dichter platt machen und sich mit einem Bein auf ihren zerschmetterten Körpern ablichten lassen. Safari einmal anders. Die knackige, aber wenig engagierte Moderatorin hüpfte wieder auf der Bühne umher und gab Rico das Zeichen. Sie rief einen Sonning aus Eimsbüttel, Ricos Künstlername, nach vorne. Rico strich sich ein letztes Mal über sein ausgewaschenes Hardrock Café - Shirt und erklomm die 55 Stufen hinauf in den Künstlerolymp. Umständlich adjustierte er das Mikrofon auf seine 168 cm neu, räusperte sich und begann:
Ich habe nachgedacht
über—
Plötzlich stürmte ein junger Mann, der an einen Pinneberger Verkehrsrowdy erinnerte, nach vorne und schleuderte seine getragene Unterhose in Ricos Richtung. Der kleine Poet war sehr überrascht und strauchelte. Ein Raunen ging durch die Menge als die Unterhose wie in Zeitlupe auf Ricos Gesicht zuflog. Ein finsterer Schleier legte sich über zugekniffene Dichteraugen. Beißende Gerüche passierten unschuldige Dichter-Schleimhäute. Aufregung verkehrte sich in Übelkeit. Doch die Menge skandierte erbarmungslos “weiter, weiter!”. Der stinkende Stoff, ein blauer Traum mit Snoopy-Aufdruck, hatte Rico nicht nur die Sicht, sondern sämtliche Texterinnerung geraubt. Stotternd rezitierte er erneut
Ich habe nachgedacht
über—
und rang um Zeilen, die nicht länger in seinem Hirn verweilten. Zu den eingetrockneten Flüssigkeiten in der Unterhose gesellte sich jetzt heißer Dichterschweiß, der Rico aus allen Poren rann. In seiner Not besann er sich auf die Wirkung des Wortes und wiederholte in den nächsten Minuten immer wieder
Ich habe nachgedacht
über—
bis seine dünne Stimme vom Applaus des Publikums überlagert wurde. Die Moderatorin trat neben ihn und beendete mit einer Handbewegung den Jubel der Menge. Mit einer hanebüchenen Erklärung (erforderliche Mindestanzahl unterschiedlicher Wörter verfehlt) disqualifizierte sie Rico. Buhrufe und in ihre Richtung geworfene Wasserflaschen irritierten die Moderatorin nicht. Ein Zittern erfasste Ricos Leib und helfende Hände mussten ihn von der Bühne führen. Ricos Oma, die extra zur Unterstützung aus Mannheim hergereist war und schon einigen Bacardi intus hatte, kriegte sich nicht mehr ein. Sie schimpfte wie eine betrunkene, in die Jahre gekommene Arzthelferin und fing eine Prügelei mit einigen Erasmus-Austauschstudenten an, die ihren Kennenlernabend in Deutschland begingen. Auf der Bühne erzählte der nächste Dichter einen Autowitz nach dem anderen und das Publikum bog sich vor Lachen. Auf einmal schwang sich Rico neben ihn, schubste den Autofan weg und ließ eine Beschimpfungstirade gegen die Moderatorin, Serben, Austauschstudenten und alle Slambesucher sowie Dichter im speziellen vom Stapel. Zwei seiner Konkurrenten brachen daraufhin in Tränen aus und mussten von den Türstehern, die sich nicht auf den entfesselten Rico stürzten, getröstet werden. Rico und seine Oma wurden im Eingangsbereich noch ordentlich vermöbelt und dann auf die Straße gestoßen. Ein barmherziger Taxifahrer brachte die beiden nach Hause und erließ den Fahrpreis, nachdem Rico seine Textzeile ein letztes Mal vorgetragen hatte.
Oha, da ist nun wirklich dringend ein aufklärendes Interview fällig, um Licht ins Dunkel des dieses schandvollen Abends zu bekommen…
Skandal!
es heißt ja immer, lass’ den lappen lappen sein, aber ich helfe den armen, so wie mein onkel hood es schon tat, ich schenke rico, der rhetorischen ameise, ein bahnticket nach mannheim! er soll es gut haben bei monster-mutti! hätte er doch nur aus meinen manuskript zitiert, es wäre ein volleyschuss in der 91. minute gewesen…: >warum trinkt eine blondine den orangensaft im supermarkt?!…., weil auf der lasche steht: bitte hier öffnen….
@ TRS
Skandal hoch drei! Neben den skandalösen Geschehnissen des Abends hatte sich skandalöserweise gezeigt, dass Ricos andere Texte in Testgruppen sehr gut ankommen und skandalöserweise sogar herzlich über sie gelacht wurde…
@ Johnny d’or
Ich glaube, hier schlummert ein weiterer Slammer. So verklausuliert, dass beinahe der Jungpoet kapituliert!