Der Frühling 2010 in Deutschland hielt Rückschläge für mich bereit. Wassermassen, die am Nachmittag vom jäh zugezogenen Himmel auf mich herabstürzten, während ich am Morgen über die kurze Hosen im unteren Fach meines Kleiderschranks gestrichen hatte. So nass war ich mit Klamotten seit Jahren nicht geworden. Schwimmbäder betrat ich nicht. Oder Hochzeitseinladungen, die Solisten wir mir besondere Freude bereiteten. Geld für ein Geschenk ausgeben, sich launige Zeilen für das Paar abringen und verzweifelt eine gescheite Karte suchen, um zur Belohnung einen halben Tag lang dreißig Pärchen Gleichaltriger und Angehöriger der Eltern- und Großelterngeneration beim Schmausen und Tanzen zuzusehen. Versauern am “Kuppeltisch” (Verhältnis Männer:Frauen 7:1; sie ‘ne “ganz Liebe” Typ Wuchtbrumme) wie die Auslegeware im Gemüseregal. Jeder guckt und fasst Dich an, aber keiner nimmt Dich mit nach Haus. Oder dieser unselige Lyrikwettbewerb, bei dem ich unbedingt teilnehmen wollte. Frische Reime zum Schlagwort Tagträume. Nach zwei Zeilen war mein Elan verpufft und das Reim-Fließband stockte. Im SPIEGEL war Ende April seitenlang über die Bedeutung des Titels für den Erfolg eines Buches fabuliert worden. Die Argumentation war nicht von der Hand zu weisen, doch entschieden nicht die ersten Zeilen, der erste Absatz über die Lesertreue bis zum bitteren Schluss? Oder das Autorenfoto im Klappentext? Der verklärte Blick mit leichtem Schmollmund half, bei Sachbüchern war eine Brille Pflicht. Frauen mit gebändigten Mähnen und Männer mit geföhnten Kämmen verkauften mehr. Von der Publikationsreife war ich weit entfernt, der Endreim in der zweiten Zeile hakte.

“Nie” reimte sich nicht sauber auf “-sie”. Gerade wollte ich mit einer Zeile auf “Knie” fortfahren, als das Telefon klingelte. Mails und Telefonanrufe betrachtete ich als meine persönlichen Sargnägel. Beim fünften Klingeln hob ich den Hörer ab.
“Vogelhaus-Manufaktur Strauß, mein Name ist Rico Müller, guten Tag!”
“Äh, hier ist Basti, Basti Mayer. Habe ich mich verwählt oder bist Du das, Sonning?”
“Tut mir leid, sie sind mit dem Büro der V-M Strauß verbunden. Einen Herrn Sonning haben wir hier nicht.”
“Oh, da muss ich mich verwählt haben. Dann noch einen schö-”
“Halt Basti, war ein Scherz. Natürlich bin ich am Apparat.”
“Äh, sehr witzig, fast wäre ich drauf ‘reingefallen…”
“Also bei unserem Modell für die ganze Rotkehlchen-Familie fiele kein Vogelkot von der Stange in das Futtergefäß. Spaß beiseite. Basti, alte Hütte, schön, dass Du anrufst. Was macht das Studium?”
“Läuft gut. Ich hätte allerdings eine andere Frage an Dich.”
“Die beantworte ich Dir gerne gleich. Aber vorher lass mich Dich ein wenig teilhaben an den Sinnesfreuden des Campus’. Kommen Deine Augen und Ohren auf ihre Kosten?”
“Ich bin nicht mehr an der Uni.”
“Och Mensch, warum das denn? Gerade im Sommer wird es doch erst richtig interessant, wenn Du verstehst, was ich meine.”
“Es gab da diesen Vorfall mit meinem Französischdozenten. Bei mir war es lange her und ich hatte Nachholbedarf bezüglich meiner Sprachkenntnisse. Die ersten Wochen musste ich wirklich kämpfen und irgendwelche halben Kinder, frisch aus der Schule an die Uni gestolpert, haben sich über mich lustig gemacht. Meine Aussprache - une catastrophe, meine Grammatik - merde! Wenn dazu ein Raum voller Mädels gackert, dann liegen die Nerven blank.”
“Kann ich mir vorstellen…”
“Auf jeden Fall habe ich den Dozenten gefragt, ob es eine Art Intensivkurs für Wiedereinsteiger gibt. Er war sehr hilfsbereit und bot mir an, sich nachmittags mit mir zu treffen. Er wohne in der Nähe der Uni und sei dieses Semester nicht ausgelastet. Ich war erleichtert und habe mir nichts dabei gedacht. Mein Herz pochte, als ich am nächsten Tag an der Tür des Wohnhauses klingelte. Ich stapfte hinauf in den vierten Stock, die Tür stand offen. Er begrüßte mich mit einer schnellen Umarmung und führte mich zum Wohnzimmertisch. Die Wohnung war sehr gediegen, Altbau, hohe Decken und alte Möbel. Den deutsch-französischen Smalltalk überstand ich irgendwie, dann zeigte er mir die Aufgaben des heutigen Tages. Ich machte mich an die Arbeit und kam gut voran. Er stand immer wieder auf, ging im Raum umher oder stellte sich hinter mich. Nur das Kratzen meines Kugelschreibers auf dem Papier und sein schweres Atmen füllte den Raum. Plötzlich legte er mir seine Hände auf die Schultern und begann mich zu massieren. Es war sehr angenehm. Ich sprang auf, drehte mich um und schüttelte seine Flossen ab. Entgeistert sah er mich an. Murmelte etwas von einem Missverständnis. Ich raffte meine Sachen und schlug die Tür hinter mir zu. Bei der Prüfung bin ich dann durchgefallen.”
“Wie damals unser Sportlehrer. Wie hieß er gleich noch einmal?”
“Weiß ich nicht mehr, wen meinst Du?”
“Egal. Hat man nicht jedes Mal zwei Versuche, um eine Prüfung zu bestehen?”
“Schon. Im zweiten Semester bot er denselben Kurs an, keine zehn Pferde kriegten mich wieder dahin. Und eine Madame Matiné offerierte die Alternativverantaltung. In ihrem Kurs versuchte ich mein Glück. Es haute nicht hin, dann hab ich’s sein gelassen.”
“Verstehe, Basti. Die französische Grammatik ist nicht ohne. In anderen Sprachfamilien findet man sich schwer zu recht.”
“Kann sein. Wenn es nur daran gescheitert wäre.”
“Hm, ‘raus mit der Sprache, gab es doch einen furioseren Abgang von Dir?”
“Naja, ich komme in den Kursraum, sage Salut! zu den Kiddies und plötzlich tritt meine Traumfrau ein. Lange dunkle Haare, super Figur, perfektes Gesicht. Wie Selbstverständlich schwebt sie zur Tafel und eröffnet den Kurs. Weder konnte ich mich an ihr satt sehen noch hören. Ich habe zu Hause gebüffelt als ob es um mein Leben gegangen wäre. Die Erfolge waren da, ich wurde besser und sie lobte mich. Gegen Ende des Semester hielt ich es nicht mehr aus. Ich verabredete mich mit ihr unter einem Vorwand und gestand ihr meine Liebe in einem Café. Um es kurz zu machen: Sie teilte meine Gefühle nicht. Aus Scham konnte ich danach den Campus nicht mehr betreten.”
“Äh ja. Klingt übel. Tut mir leid - sie war es einfach nicht wert! Welche Frage wolltest Du mir eigentlich stellen?”
“Genau, ich falle zwar mit der Tür ins Haus, aber könntest Du mir Geld leihen? Das Studium hat viel Geld gekostet und ich bin momentan knapp bei Kasse. So bald ich wieder verdiene, bekämest Du es zurück.”
“Hm, schwierig, so dicke habe ich es auch nicht. Ich dachte, dass Studentenleben sei erschwinglich? Hast Du etwa über Deine Verhältnisse gelebt, Du alter Achtelgrieche?”
“Bitte lass das aus dem Spiel. Ich habe Euch damals in der Schule im Rahmen meines Projektwochenbeitrags nicht meinen Stammbaum gezeigt, um bei allen erdenklichen Gelegenheiten unter die Nase gerieben zu bekommen, warum ich zu mir geworden bin. Ja, meine Urgroßmutter mütterlicherseits war Griechin. Ja, ein anderer Urgroßvater war Italiener und zeugte meine Oma mit dem Dienstmädchen. Nein, trotz ihres NS-Funktionärsstatus’ waren die anderen Mitläufer. Willst Du mir jetzt helfen oder nicht?”
“Von welchem Betrag sprechen wir?”
“1.000 Euro wären sehr gut.”
“Bist Du schon bei der Bank gewesen? Mit Deinem Hintergrund sollte es ein Leichtes sein, einen kleinen Konsumentenkredit aufzunehmen.”
“Ja, war ich. Nur weil ich irgendwo zwischen Studentenstatus und Erwerbslosigkeit hänge und den Dispo ausgereizt habe, will man mir nicht einmal ein neues Girokonto genehmigen.”
“Vielleicht solltest Du Dir schnell einen Job suchen.”
“Danke für den Hinweis. Hilfst Du mir jetzt oder nicht?”
“Bei aller EU-Freundschaft Tut mir leid, soviel Geld habe ich nicht auf der hohen Kante. Ich muss jetzt zu meinem Yoga-Kurs. Ich drücke Dir die Daumen für die Job- und Geldgeber-Suche. Mach’s gut.”
Das abrupte Ende (einer Freundschaft?).
Einige echte Brüller da drin, vor allem, wenn man die Vorgeschichte(n) ein bisschen kennt. Tres bien, Monsieur! :-)
@ TRS
Merci beaucoup, le TRS.
wir sind verwandt, aber nicht verschwägert! - http://jetztgleichspaeter.wordpress.com/
@ Johnson Junior
Fast hätte ich den Spam gelöscht… ;)
haha :)
@ JJ
Ha! ;)