Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

19. August 2009

Schreiben, um zu leben.

Ich komme unvermittelt zur Sache: Seit Montag ist es für mich poetisch gesehen ernst geworden, die genüßliche Auszeit ist vorbei und mein Schriftstellerleben hat wirklich begonnen. Um die Bedeutung dieses Wendepunktes klar herauszuarbeiten, werden meine Beiträge jetzt noch ausgeflippter und jeder, wirklich jeder Satz wird bis zum Bersten mit Ironie und Sarkasmus gewürzt, damit es selbst meiner geschätzten Leserschaft vor dem Bildschirm zu den Ohren herauskommt ich mich zukünftig ein wenig zurücknehmen und auf wahre Dichtertugenden besinnen.

Zur Schaffung eines geeigneten Lebensrahmens habe ich nämlich mit großem Tamtam das so genannte und bald auch unter dem Titel “Wecke den Jungpoeten in Dir, das knallharte und überzeugende 72-Übungen-Workout des Erfolgsautors in spé Sonning Strauß” auf DVD erhältliche Jungpoetentrainingsprogramm eingeleitet und unterziehe mich seit Montag als erster Proband meinem eigenen Rundum-Trimm-Dich-Ansatz für Körper und Geist. Zwischenbilanz nach zweieinhalb vollgepackten Tagen: Schmerzen am ganzen Leib und ohnmachtsartige Erschöpfungserscheinungen des Geistes, aber mein Gewissen ist rein!

Jetzt möchte eventuell ein Leser oder eine neugierige Leserin wissen, was sich hinter dem ominösen HeroenJungpoetentrainingsprogramm verbirgt. Das kann ich leider nicht in gewohnter Offenheit kundtun, schließlich soll sich die Abzocker-DVD gut verkaufen. Als Appetithäppchen schmeiße ich jedoch drei Halbsätze in den Raum: Dichterspezifisches Ganzkörperstählen, esoterische Übungen “in der Kunst des Schreibens” und Tippen bis der Arzt kommt.

Stichwort dichterspezifisches Ganzkörperstählen: Meine neuen Rauch- und Trinkgewohnheiten habe ich bereits als nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil meines Tagesablaufs vorgestellt. Ergänzend kommt jetzt morgendliches Seilspringen zur Aktivierung des Kreislaufs und Lockerung der Muskulatur hinzu. Außerdem ausgefeilte Dehnübungen insbesondere der stark belasteten Unterarm- und Fingerpartien und nicht zuletzt ein Geheimtipp für Genießer: Regelmäßige Aufenthalte in schamanistischen Schwitzhütten zur Entgiftung des Körpers.

Stichwort esoterische Übungen in der Kunst des Schreibens: Auf dubiosem Wege ist mir der unzensierte und prächtig bebilderte Großkamasutrafoliant ein inspirierendes Werk zur Kunst des Schreibens in die Hände gelangt. Hier finden sich jede Menge Anregungen und immer neue Herausforderungen für den angehenden Literaten. Die nächste Aufgabe für mich lautet zum Beispiel, eine Liste von 100 Dingen, die mir persönlich Freude bereiten, zu erstellen. Sobald ich mich unter Druck gesetzt fühle, soll ich durch Lesen dieser Liste ein Gefühl des Wohlbefindens heraufbeschwören. Wer mich kennst, der weiß, wie sehr mein Geist nach solchen Entspannungstechniken dürstet!

Unkommentiert (Eure Chance, liebe Leserinnen und Leser!) der im Buch enthaltene Anfang der Liste:
1. Himbeeren
2. Pfingstrosen
3. Pizza Hawaii
4. Kiefernduft
5. Petit-Point-Stickerei (bitte watt?)
6. Gedichte von Rumi
7. Campingbusse von VW
8. Zimtsterne
9. Marie Callas
10. Rhababer
(…)

Stichwort Tippen bis der Arzt kommt: Ich wage es tatsächlich und versuche mich an der Umprogrammierung meines tippenden Über-Ichs. Täglich investiere ich mindestens eine Stunde, um mein geliebtes, wenn auch hämmerndes Zwei-Finger-Adlersuchsystem auf ein jungpoetenwürdiges, eleganteres Zehn-Finger-über-die-Tasten-Gleiten umzuschulen. Teilerfolg nach den ersten drei Trainingstagen: Dramatischer Rückgang der Schreibgeschwindigkeit ohne Gegengewinn und leichte Sehnenscheidenbeschwerden. In Verbindung mit meiner jüngst erworbenen Liebhaberschreibmaschine ist die Tippaktivität fast zum Erliegen gekommen. Und ich will es nicht verschweigen, schlichtere Sätze und kürzere Wochenberichte stehen drohend im Raum…

Zum abruptem Schluss ein leicht abgewandelter, aus meiner Sicht sehr passender historischer Ausspruch: Der Jungpoet ist tot, es lebe der Jungpoet!

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