Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

22. Januar 2010

Unstillbares Verlangen

Britische Wissenschaftler fanden heraus, dass der Mensch 20 Kleidungsstücke benötigt, um glücklich zu sein. Darunter zwei Hosen, ein paar Sockenpaare und drei Schlüpfer. Ich besitze insgesamt 300 Hosen, Sakkos, Socken, Pullis, Shirts, Unterhemden, Bodys für den Mann, Badehosen, Mützen, Jacken, Shorts, Schals, Strickjacken, Mäntel, Handschuhe, Leggings, Turnschuhe, Tigertangas äh Unterhosen, Netzoberteile, Hemden, Krawatten und Lederschuhe. Diese chronische Unterversorgung mit Stoffen quält mich jeden Morgen nach dem Aufstehen, teilweise schon vorher. Was soll ich anziehen und wie werden meine Mitmenschen reagieren, falls ich zweimal im Monat gleich gekleidet auftrete? Klamotten langweilen Alltagsmodell und Betrachter spätestens nach dem dritten Tragen, ab dem sechsten Hineinschlüpfen protestiert mein Körper mit einem Juckreiz. Nach dem zehnten Mal lodern Flammen aus dem Wäschekorb oder Scherenblätter durchstoßen harmlose Nähte und Stoffflächen. Wie eine Hyäne schleiche ich durch die Einkaufspassagen meiner Umgebung, auf der Suche nach mehrfach reduzierten Sonderangeboten. In Farben, die von Krankheit künden, oder Schnitten, die auf den Tod hindeuten. Aas eben. Nahrung für mein Auge und Balsam für meinen Leib. Bis zum unseligen dritten Mal.

Die Augen meines in Lumpen gehüllten, physischen Ichs schauen in den Raum mit dem Herd: Die Küchenregale biegen sich unter Vorräten, der Kühlschrank ächzt beladen vor sich hin und auf der Arbeitsplatte türmen sich Besorgungen, die irgendwo zu verstauen wären. Mir fehlen dennoch Dinge und ich renne in den Supermarkt, schaufele mir den Einkaufswagen voll und schleppe die Beute nach Hause. Dort wachsen die Vorratshaufen, der Kühlschrank wird Opfer einer weiteren Käse-Milch-Joghurt-Wurst-Vergewaltigung und die Arbeitsplatte verschwindet vollends unter Verpackungen. Meine Zunge fährt über Plastik, hinter dem sich Salamischeiben befinden. Mein Rücken scheuert an Baguettestangen entlang, während meine Hand über Nudeln in Beuteln streicht. Nach fünf Minuten surrt das Kühlgerät vor sich hin und beschallt einen verlassenen Raum. Regale brechen mit Getöse zusammen und eine Arbeitsplatte verendet wie ein eingequetschtes Erdbebenopfer. Ich gehe zu einem Mittagstisch um die Ecke und esse mich satt. Wer weiß, wie hart der Winter noch wird und ob die Nahrungsmittelversorgung der Stadtbevölkerung sichergestellt werden kann.

Abends auf der Party von Freunden quält mich ein Gefühl der Trockenheit, in Mund und Magen. Wie ein zwei Wochen in die Karawane gezwungenes Kamel dem Wasserloch nähere ich mich der Cocktailbar und inhaliere die ersten drei. Ob blau, grün, rot oder weiß, sie schmecken alle gleich, nach dem Nichts, nach mehr! An der Bowleschüssel entlaste ich den Geschirrspüler der Gastgeber und wehre mich nicht gegen mein wölfisches Erbe. Schnelle Zungenstöße benetzten den Gaumen mit dem köstlichen Nass. Auf die Technik kommt es an, wie ich von unserem Familienhund gelernt habe. Wein und Bier lasse ich in Bächen in mich hineinlaufen, das Gurgeln aus meiner Ecke scheint niemanden zu schockieren. Stunden vergehen und literweise werden Flüssigkeiten gekühlt, vermischt, erhitzt, getrennt und wieder ausgeschieden. Besudelt und von Sinnen verschwinde ich spät in der Nacht. Am Morgen begrüßt mich mein treuerster Gefährte: Der Kopfschmerz Durst.

Im Urlaub schieße ich unentwegt Fotos und vergesse bisweilen, Land, Leute und die Eindrücke zu genießen. Wie ein erlebnishungriges Kind stolpere ich durch alte Tempel und Kirchen, Basare und Konsumpaläste, dorfgleiche Ferienanlagen und Häuserschluchten von Kreuzfahrtschiffen. Auf zwei oder vier Rädern juckele ich über aus dem trocken gelegten SumpfBoden gestampfte Autobahnen, Schotterpisten, die ausgetrocknete Flussbetten kreuzen, oder winde mich Serpentinen entlang. Am Ende der zwei Wochen stehen mehr Kilometer auf der Mietwagenanzeige als nach zehn normalen Pendlertagen plus Wochenende. Zu Hause hake ich Land X ab und blättere in Katalogen über Land Y. Die Bilder schaue ich mir danach höchstens zweimal an und lasse sie auf der Festplatte oder im Album verstauben.

Wenn ich gerade nichts kaufe, dann überlege ich, was ich als nächstes kaufen könnte. Die Überlegung bereitet mir Freude, der Akt des Kaufens nicht. Raffen, stopfen, erhaschen, sammeln, auftürmen, haben wollen, bunkern, sichern, besitzen müssen, aus alt mach neu, Leere mit Gegenständen füllen, aus kaputt wird neu, überflüssig, aber neu, doppelt vorhanden, sieht schöner aus, brauche ich nicht, war jedoch billig.

Viele Menschen fühlen sich zu etwas berufen, meine Berufung ist der Konsum. Ich will immer mehr, alles von allem und zwar sofort! Heute, morgen, in drei Jahren, als Familienvater oder Greis, solange, bis der PC die Eingabe meiner Kreditkartennummer verweigert, niemand meine Euroscheine nach der Währungsumstellung akzeptiert oder man die EC-Karte meinen leichenstarren Fingern entwindet…

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