Der versierte Leser und die geneigte Leserin dieser Seite sehnt sich wahrscheinlich bei jedem Besuch nach einem reißerischen Verriss untragbarer Um- und Zustände, sprich dem Funken, der die Barrikaden der gepflegten Revolution 2.0 entzündet wenig Zerstreuung abseits der Mühen des Alltags. Ich bezweifele, ob ich diesem Anspruch mit meinem neuesten Wochenbericht gerecht werden kann. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal.
Jetzt melde ich mich nicht als Handlanger der Zerstreuung, sondern in einer anderen Rolle, nämlich als menschliches Bindeglied zwischen den verhärteten Fronten der brav Schuftenden wie z.B. Arbeiter, Angestellte, Bestsellerautoren, Urologen, Kleingärtner und armen Schlucker wie z.B. Faulenzende, Hartz IV-Adlige, Grafikdesignerinnen, Ich-AGler, Jungpoeten. Nein, ich ergreife nicht Partei. Ich will nur herausarbeiten, wie holprig der Weg vom Schlucker zum Schufter sein kann. Zur Veranschaulichung rücke ich den gemeinen und umtriebigen Jungpoeten in den Mittelpunkt und ziehe das Kernproblem vor: Zeitmanagementnot.
Nimmt man einen normalen Montag näher unter die Lupe, wird gleich das ganze Ausmaß der Malaise deutlich. Nach dem halbwegs frühen Aufstehen folgen Sport, Körperpflege und Tipptraining als selbst gewähltes Morgenjoch. Hernach ein wenig Zeitung lesen, Mails sichten, Schlagzeilen im Internet studieren und einige Partyvorbereitungen Verwaltungsangelegenheiten erledigen und schon ist der Vormittag herum. Nun drängt sich das leibliche Wohl unwiderstehlich in den Vordergrund und an einem beliebigen Mittagstisch der Stadt wird mindestens eine Stunde verplämpert lang gespeist sowie die Zeitung durchgeblättert. Auf dem Weg nach Hause besorge ich dann einige Dinge des täglichen Bedarfs und durchschreite meine Wohnungstür mit einer gewissen Bettschwere. Nach dem Mittagsschlaf ohne gestellten Wecker sitze ich am Schreibtisch und werde vom unentwegt klingelnden Telefon von meiner Arbeit abgelenkt. Freundschaften zu pflegen bedarf auch investierter Zeit…
Auf dem Rückweg zur Dichterwerkbank stolpere ich über einen erquickenden Roman, den ich vor kurzem begonnen habe. Ich spüre wie ich ihn über zwölf Stunden vernachlässigt habe und wiege ihn zur Beruhigung einige Seiten in meinen Händen. Da fallen Sonnenstrahlen in mein schattiges Zimmer und ich erkenne den tiefen Stand der Feuerscheibe. Zwischendurch prüfe ich schnell mein Postfach, nicht dass ich die erste E-Mail eines interessierten Verlages verpasse. Dann ist es allerhöchste Zeit, die Nachmittagswärme eine gute halbe Stunde auf meiner Haut einwirken zu lassen. Licht hebt das Gemüt und bringt günstige chemische Prozesse des Körpers in Gang.
Die Zeit von 18.00 bis 19.30 Uhr ersten Abendstunden gehören tatsächlich der Lyrik, allerdings fühle ich mich irgendwie matt und blättere in den Werken zur Romantheorie. Ich gestehe mir ein, dass ich für das Schreiben heute nicht in Stimmung bin. Innerlicher Jubel brandet auf als ich mich geschlagen gebe und mir mein Abendbrot zubereite. Mein Körper registriert diesen Schlüsselreiz wie ein erfolgreich konditionierter Hund: Der Freizeitteil des Tages hat begonnen.
Für einen kurzen Moment fährt mir der Schreck in die Glieder. In Stephen Kings Anleitung zum Hinklatschen von Bestsellernr Romantheorie offenbart er sich als Poetenschinder: Fünf bis sechs Stunden müsse jeder ernsthafte Schriftsteller pro Tag lesen und insbesondere Schreiben. Großzügig rechne ich das Zeitung und im Internet stöbern, Mails verfassen mit meinem kreativen Nachmittagsprogramm zusammen. Ja, ich erfülle des Königs Geheiß. Und das Wochenende kann er ja wohl nicht gemeint haben? Schließlich benötige ich Ruhemomente. Falls ich fünf bis sechs Stunden des Sams- und Sonntages freischaufeln und die verdrängten Stunden Muße in der Woche unterbringen müsste, würde es wirklich anstrengend werden. Ich entspanne mich also. Der typische Jungpoetentag ist eben anspruchsvoller als erwartet und ich lasse mir bisher nichts zu Schulden kommen…
So ein Jungpoet hat aber auch einfach einen vollen Terminkalender… Der “evtl. Cocktail-Party” zweiten Teil an diesem Wochenende wirst Du übrigens ohne Deinen Konzeptionsgefährten der Liebeslyrik des 16. und 17. Jahrhunderts bestreiten müssen. Du weißt doch: Termine…
@ TRS
Du bleibst mir trotzdem lyrisch gesehen der Liebste! ;)
Achte bloß auf Dein Pensum! Bei dieser überaus hohen Arbeitsbelastung wirst Du früher oder später einen Burn-Out erleiden, von welchem Du Dich kaum erholen wirst. Also gönne Dir auch mal ab und an eine Auszeit - versprochen?!
@ KT
Ein weiser Rat, obgleich bekannt sein dürfte, wie schwer mir der Genuss von Auszeiten fällt…
So, jetzt haben Sie einen neuen Fan. Vielleicht sollte ich sagen, einen neuen deprimierten Fan. Denn nach lesen Ihrer lyrisch-poetischen Ergüsse, musste ich mit erschrecken feststellen, dass es mir an einem so ausgeprägten Schriftsteller-Talent mangelt. Bin verdammt zu einem eher unkreativen Schreiberlings-Leben in der Wirtschaft/IT-Branche/Marketing-Branche. Vlt. können Sie mir durch ein paar Buch-Tipps da raushelfen?
Und deprimieren Sie mich bitte weiter…bin gespannt, was noch kommt :-)
@ Blumenmädchen
Es ist mir eine Ehre, die Dame. ;) Vielleicht sollte ich meinen Entwurf für den nächsten Wochenbericht mit leichtem Deprieinschlag lieber noch einmal überarbeiten…
Nein, nein…. ich denke, ein wenig tiefe, wenn auch leicht dunkle, Emotionalität kann Ihre Leser noch mehr fesseln und an Sie binden.
@ BM
Nun denn, nichts leichter als das… ;)
als Du noch auf de anderen Seite der verhärteten Front standest hättest Du die Chamce für lustige Weiterbildung im Sinne von “Zeit- und Selbstmanagement” oder auch etwas in die Richtung von “wie lerne ich meinen “Job” und meine Freizeit vernünftig einzuteilen”…..der genaue Titel der Fortbildung ist mir leider entfallen…. nutzen sollen……aber ist ja jetzt zu spät….. ;-))
@ AK
Tja, eine weitere vertane Chance, der ich beinahe täglich nachtrauere… ;)