Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

23. September 2009

Von der Hektik und Zeitnot des lyrischen Tages

Der versierte Leser und die geneigte Leserin dieser Seite sehnt sich wahrscheinlich bei jedem Besuch nach einem reißerischen Verriss untragbarer Um- und Zustände, sprich dem Funken, der die Barrikaden der gepflegten Revolution 2.0 entzündet wenig Zerstreuung abseits der Mühen des Alltags. Ich bezweifele, ob ich diesem Anspruch mit meinem neuesten Wochenbericht gerecht werden kann. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal.

Jetzt melde ich mich nicht als Handlanger der Zerstreuung, sondern in einer anderen Rolle, nämlich als menschliches Bindeglied zwischen den verhärteten Fronten der brav Schuftenden wie z.B. Arbeiter, Angestellte, Bestsellerautoren, Urologen, Kleingärtner und armen Schlucker wie z.B. Faulenzende, Hartz IV-Adlige, Grafikdesignerinnen, Ich-AGler, Jungpoeten. Nein, ich ergreife nicht Partei. Ich will nur herausarbeiten, wie holprig der Weg vom Schlucker zum Schufter sein kann. Zur Veranschaulichung rücke ich den gemeinen und umtriebigen Jungpoeten in den Mittelpunkt und ziehe das Kernproblem vor: Zeitmanagementnot.

Nimmt man einen normalen Montag näher unter die Lupe, wird gleich das ganze Ausmaß der Malaise deutlich. Nach dem halbwegs frühen Aufstehen folgen Sport, Körperpflege und Tipptraining als selbst gewähltes Morgenjoch. Hernach ein wenig Zeitung lesen, Mails sichten, Schlagzeilen im Internet studieren und einige Partyvorbereitungen Verwaltungsangelegenheiten erledigen und schon ist der Vormittag herum. Nun drängt sich das leibliche Wohl unwiderstehlich in den Vordergrund und an einem beliebigen Mittagstisch der Stadt wird mindestens eine Stunde verplämpert lang gespeist sowie die Zeitung durchgeblättert. Auf dem Weg nach Hause besorge ich dann einige Dinge des täglichen Bedarfs und durchschreite meine Wohnungstür mit einer gewissen Bettschwere. Nach dem Mittagsschlaf ohne gestellten Wecker sitze ich am Schreibtisch und werde vom unentwegt klingelnden Telefon von meiner Arbeit abgelenkt. Freundschaften zu pflegen bedarf auch investierter Zeit…

Auf dem Rückweg zur Dichterwerkbank stolpere ich über einen erquickenden Roman, den ich vor kurzem begonnen habe. Ich spüre wie ich ihn über zwölf Stunden vernachlässigt habe und wiege ihn zur Beruhigung einige Seiten in meinen Händen. Da fallen Sonnenstrahlen in mein schattiges Zimmer und ich erkenne den tiefen Stand der Feuerscheibe. Zwischendurch prüfe ich schnell mein Postfach, nicht dass ich die erste E-Mail eines interessierten Verlages verpasse. Dann ist es allerhöchste Zeit, die Nachmittagswärme eine gute halbe Stunde auf meiner Haut einwirken zu lassen. Licht hebt das Gemüt und bringt günstige chemische Prozesse des Körpers in Gang.

Die Zeit von 18.00 bis 19.30 Uhr ersten Abendstunden gehören tatsächlich der Lyrik, allerdings fühle ich mich irgendwie matt und blättere in den Werken zur Romantheorie. Ich gestehe mir ein, dass ich für das Schreiben heute nicht in Stimmung bin. Innerlicher Jubel brandet auf als ich mich geschlagen gebe und mir mein Abendbrot zubereite. Mein Körper registriert diesen Schlüsselreiz wie ein erfolgreich konditionierter Hund: Der Freizeitteil des Tages hat begonnen.

Für einen kurzen Moment fährt mir der Schreck in die Glieder. In Stephen Kings Anleitung zum Hinklatschen von Bestsellernr Romantheorie offenbart er sich als Poetenschinder: Fünf bis sechs Stunden müsse jeder ernsthafte Schriftsteller pro Tag lesen und insbesondere Schreiben. Großzügig rechne ich das Zeitung und im Internet stöbern, Mails verfassen mit meinem kreativen Nachmittagsprogramm zusammen. Ja, ich erfülle des Königs Geheiß. Und das Wochenende kann er ja wohl nicht gemeint haben? Schließlich benötige ich Ruhemomente. Falls ich fünf bis sechs Stunden des Sams- und Sonntages freischaufeln und die verdrängten Stunden Muße in der Woche unterbringen müsste, würde es wirklich anstrengend werden. Ich entspanne mich also. Der typische Jungpoetentag ist eben anspruchsvoller als erwartet und ich lasse mir bisher nichts zu Schulden kommen…

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