Jedes Jahr, wenn die Vulkane ausbrachen, änderte sich mein Leben. Wie feiner Wüstensand während meiner Saharawanderung in Rucksack, Schuhe und unter die Mütze drang Vulkanstaub durch Fugen, Minilöcher und geöffnete Fenster sowie Türen in meine Wohnung und mein Auto. Morgens erwachte ich mit dickem Kopf und hatte Mühe, durch die Nase zu atmen. Die Augen juckten, als ob mir das Sandmännchen Hagebuttenkörner hineingestreut hätte, weil ihm der Sand ausgegangen war. Gleichwohl tränten sie in einem fort und schwollen an. Bei einem Blick in den Spiegel fragte ich mich, wie viele Fremde auf der Straße mir einen Trauerfall in der Familie unterstellten. Der Rötungsgrad beschied: Entweder das Kind, Mutter oder Vater. Der Pegelstand der Augentropfenflasche sank schneller als der Wasserstand der Elbe beim Gezeitenwechsel. Oder nahm mein Mitbewohner täglich einen kräftigen Zug in der Hoffnung auf einen Muntermacher? Meine Nase erinnerte mich an eine Quelle, aus der mit unbändiger Kraft Wasser sprudelte. Bei der Drogerie meines Vertrauens hatte man mir einen Temporabatt eingeräumt, seitdem hielt ich mich von dort fern. Fünf Spritzer Naserol je Nasenloch gehörten zur Morgenroutine wie Duschen und Scheißen.
Sobald ich den Flughafenterminal betrat, dachte ich an die Worte, die mir meine Mutter eingehämmert hatte: “Arbeit lenkt ab. Suche Dir bloß ‘was Solides!”. Das hatte ich getan. Ich versuchte, jeden Lufthansa-Uniformsträger zuerst zu grüßen. Der gute Ruf bei den Kollegen lag mir am Herzen. Die linke Hand, in der ich ein Tempo hielt, führte ich nah an meinem Oberschenkel. Mein schwarzer Ledergürtel war mit dem Siemens-Diensthandy und einer Tempopackung bestückt. Dank der Klimaanlage, deren Filtern kaum ein Vulkanstaubpartikel zu entgehen schien, lebte ich am Abfertigungsschalter auf: Der Tempoverbrauch sank, die Tränenbäche versiegten und mir gelang es, einfühlsame Passagiere vom Wohlergehen meiner Großeltern und Freunde zu überzeugen. Hektisch waren die Tage, an denen Ätna hustete oder Vesuv der Welt zürnte. Die Reaktionen der Passagiere reichten von “Vulkanausbruch, kann ja ‘mal passieren” über “Scheiße, wie soll ich jetzt nach Paris gelangen - nächsten Montag ist die weinrote Bluse von Chanel ausverkauft” bis zu “Das war’s, meine Ehe ist am Ende. Ich hatte Manuela hoch und heilig versprochen, das mir unser gemeinsames Wochenende in Venedig über alles ginge. Jetzt denkt sie wieder, ich vögele die Nächstbeste aus der Holzklasse.”. Wir verteilten alle Hotelgutscheine, die uns vorlagen. Wer leer ausging, verzog sich auf’s Gepäckband oder rollte sich unter Sitzbänken zusammen. Thinkpad-Taschen verwandelten sich in die Kopfkissen Geschäftsreisender und Fremde wurden zu Freunden, nachdem man sich eine Nacht lang aneinander geschmiegt hatte. Mein Herz glühte genauso wie meine Nase, falls ich meine Mittagspause im Freien verbrachte. Gelegentliche Vulkanausbrüche stärkten eindeutig das Immunsystem und waren gut für das Klima. Preis Dir, o Feuerberg - adieu Erderwärmung!
Auch beim zweiten und dritten Lesen bleibe ich mit großen Fragezeichen zurück und schwanke in meiner Beurteilung zwischen “hervorragend” (wie immer, wenn ich ehrfüchtig feststelle, dass ich etwas geistig nicht erfassen kann) und “mies” (wie immer, wenn ich wütend bin, dass ich etwas geistig nicht erfassen kann).
@ TRS
Einigen wir uns auf mäßig!