Achtung Erotik! Ein kleiner Gruß an alle anwesenden und verhinderten Teilnehmer und Zuschauer des letzten Erotik Slams Deluxe:
Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung als wäre es gestern gewesen. Die Tür des Musikraums schwang auf und Du betratst die Klasse. Und mein Leben. Du nahmst auf dem Stuhl direkt gegenüber von mir Platz und warfst mir fortan in jeder Unterrichtsstunde diese Blicke zu. Blicke, die ich in meiner Unerfahrenheit nicht recht zu deuten wusste. Woche um Woche verging und der Sommer brach an, in dem ich mein sechszehntes Lebensjahr vollenden sollte. Woche um Woche, in denen uns nur ein paar Meter und doch eine gefühlte Unendlichkeit voneinander trennten. Ich wusste Deine Avancen weder zu erkennen noch zu erwidern. Wenn sich unsere Finger zufällig beim Xylophonspiel streiften, zog ich meine Hand zurück. Wenn Du mich mit einem Nicken ermuntertest, lauter zu singen, verstummte ich. Wenn Du mich anlächeltest, schaute ich zu Boden.
Eines Tages batest Du mich, am frühen Nachmittag zum Musikraum zu kommen. Ich hatte große Angst. Warst Du mit meiner Analyse der Westside-Story, die Du uns als Hausaufgabe aufgegeben hattest, so unzufrieden oder sollte ich Dir das Musikstück der letzten Stunde erneut auf dem Xylophon vorspielen?
Ich klopfte an der Tür und sprach: „Hallo Frau Müller, hier bin ich.“
Du öffnetest und sagtest: „Ah Sonning, schön, dass Du da bist. Komm doch herein.“
Hinter uns fiel die Tür ins Schloss. Dein üppig wogender Busen und Dein Birnenpopo schwangen im Takt Deiner Schritte als Du mich zum Lehrerpult führtest. Verschüchtert sank ich auf einem der zahlreichen, im Kreis stehenden Stühle nieder und sah Dich an.
„Sonning, ich ertrage es nicht mehr“, sagtest Du.
Ich schwieg.
„So kann es nicht weitergehen mit uns beiden.“, setztest Du nach.
Ich schluckte schwer.
Dann, wie eine ausgehungerte Vampirin in der Nacht auf den blassen Jüngling stürztest Du Dich im Halbdunkel des Musikraums auf mich. Sprangst so heftig ab, dass das Lehrerpult wankte und Stühle zu Boden gingen. Ich purzelte vor Schreck auf den Boden und halb sitzend, halb liegend landetest Du auf mir. Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick zwischen uns beiden, sondern Brunft und Wahnsinn ab dem ersten Akkord. Wie bei einem Duett zweier begabter Musiker schwangen unsere Körper im Gleichklang. Ich glitt wie ein schlanker und strammer Geigenbogen über Deinen ausladenden Kontrabass-Leib. Wir begannen mit einem langsamen, gefühlvollen Auftakt der sich über die erste und zweite Strophe zum Refrain hin steigerte. Du offenbartest Dich auch hier als strenge Lehrerin, die mich ständig Stellen wiederholen ließ.
Unerbittlich gab das von Dir aufgestellte Metronom den Takt vor, indem sich unsere Hüften zu bewegen hatten und unsere Schöße miteinander rangen. Wir vergaßen alles um uns und liebten einander in einer Heftigkeit bis die Vorderfüße des Klaviers brachen, der Flügel des Flügels gesprengt, die Trommeln zerborsten und die Tuba verbogen war. Und jeweils im Schlussakkord bäumtest Du Dich auf mir hockend auf und schraubtest Deine Stimme ein letztes Mal in die obersten Sopranhöhen, diese den meisten unbekannten Gefilde wahrer Körpermusik.
Ich erlernte von Dir die Leichtigkeit des Oktavsprungs, wenn sich Fleisch und Geist der Liebenden vereinen. Du konzentriertest Dich auf das hohe C, ich aufs tiefe. Unser mehrstimmiger Gesang füllte jeden Winkel des Raumes aus. Doch kein Laut drang durch die gut gedämmten Wände des Musiktrakts und der Schulflur lag in der Stille des Nachmittags.
Umschlossen Deine Querflöten gestählten Lippen meinen ausgeklappten Notenständer, entlocktest Du mir die vollständige Tonleiter der Lust. Feuertest Du mich an: „Richte Dich auf, mein prächtiger Papageno“, gehorchte ich. Verlangtest Du ein Ritardando der Leidenschaft oder ermahntest mich „Crescendo, mein junger Adept, Crescendo“, befolgte ich Deine Anweisung wie es sich für einen braven und fleißigen Zehntklässler gehörte. Ich war Dir vollends verfallen und gefangen in dieser tückischen Triangel der Gefühle, Liebe und Triebe.
Die Wochen vergingen, dienstags bis freitags wankte ich am späten Nachmittag gezeichnet von den Anstrengungen unseres Einzelunterrichts nach Hause. Suchte die von unserem Schweiß durchtränkten Notenblätter vor den Augen meiner Mutter zu verbergen und erfand immer neue Lügen, was wir jenes Mal durchgenommen –Verzeihung- geübt hatten.
Und so ward ich ein Gefangener der Sinfonie des Fleisches. Begeisterte mich oberflächlich übermäßig für achtel, viertel, halbe und ganze Noten. Nicht zu vergessen die Pausen dazwischen. Doch lange ließest Du mich nie zur Ruhe kommen. Dieser harmlose Raum voller blecherner und hölzerner Instrumente war kein Musikzimmer mehr, sondern unsere Kammer der Hingebung und körperlichen Erlösung.
Du erwähntest manchmal Dein schlechtes Gewissen, mich um meine musikalische Ausbildung gebracht zu haben. Doch welch Geschenk war die umfassende physische Aufgabe, mit der Du mich in diesen prägendsten Monaten meines Lebens umfingst?
Dies ist also die Geschichte wie ich zwischen Xylophon und Rassel meine Unschuld verlor. Wie ich in der Blüte meiner Jugend stehend leiblicher Zeuge der fordernden Leidenschaft einer Frau mittleren Alters, die sich ihrer Bedürfnisse ganz bewusst war, wurde. Und wie ich im Gegenzug Momente der Ekstase erlebte, die ich hernach oft entbehren sollte.
Fragt mich heute jemand, ob ich ein Instrument spiele, druckse ich herum. Ich sei früher leider sehr faul gewesen und habe ein Problem mit meiner Musiklehrerin gehabt…
Mit Dank für die vielfältige Inspiration an alle Beteiligten der Frasier-Folge “Der letzte Tango in Seattle”.