Bei Schnee bepuderten Straßen und Wegen, auf denen Füße und Räder dahin rutschen, bei klarer Luft, die sich in den Lungen drängt, beim adventlichen Sog, der sich langsam aller bemächtigt, fielen mir posierlichste Tiergeschichten ein…
Wenn ich ein Hase wäre, hoppelte ich fröhlich über’s Feld. Hielt meine putzigen Löffel in die Höhe und ließe den Wind an meinen Härchen spielen. Mümmelte den ganzen Tag saftiges Gras und bestiege meine Häsin. Genösse mein Leben und dächte nicht an morgen. Bis sich ein Schatten am Himmel zeigte und ein Habicht hinab stürzen würde und mich schlüge. Oder ein Rascheln im Unterholz lockte und mich dort ein Füchslein vernaschte.
Wenn ich ein netter Mensch wäre, schriebe ich keine bösen Geschichten.
Wenn ich eine Großstadtkatze wäre, tobte ich durch die Wohnung meines Frauchens und striche mit meinen Krallen über den Dielenboden. Zur Freude der Nachbarn und Nachmieter. Spielte fangen mit einem Wollknäuel oder den Ohrläppchen der Menschen. Verschwände durch die Katzentür über die Katzenleiter im Park. Schliche dort durch die Büsche zum Apfelbaum. Spielte mit meinen Freunden den Vögeln und durchbohrte ihr Federkleid dann mit meinen Krallen. Bis mich eine junge Mutter mit ihrem Golf überfahren würde oder ich in die Hände einer brutalen Jugendclique fiele, die mich folterte.
Wenn ich ein Charmeur wäre, käme ich bei all den tollen Frauen im Saal gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Ladies, Ihr habt Euch heute ‘mal wieder umwerfend zurechtgemacht. Süßes Oberteil. Tolle Haare und was bist Du hier vorne erst für ein Augenschmaus. Zum Glück zählen die Inneren Werte und auf all das kommt es nicht an.
Wenn ich ein Choleriker wäre, regte ich mich jetzt richtig auf: Über die hohen Steuern, die ich nicht zahle und deren Verwendung durch unfähige Politiker nicht nachvollziehbar ist. Elbphilarmonie, Hafencity im allgemeinen, die HSH-Nordbank, Schutz der Atomtransporte durch übermüdete Polizisten vor harmlosen Bürgern, Stuttgart 21. Ach, da weiß man gar nicht mehr, wo man anfangen und aufhören soll. Wo es angefangen hat und ob es jemals wieder aufhören wird. Ob es überhaupt angefangen hat und wieder aufhören kann. Früher war sowieso alles besser, — die Jugend von heute und — die da oben. Und immer die anderen, nie ich! Leider weiß ich, dass das Leben aus Graustufen statt Schwarz-Weiß-Malerei besteht.
Wenn ich ein gut erzogener Mensch wäre, hülfe ich alten Menschen über die Straße. Begegnete Fremden freundlich und unvoreingenommen. Aber Ich schubse sie lieber zur Seite, jeder ist sich selbst der Nächste.
Wenn ich ein Gentleman wäre, verkniffe ich mir die folgenden, an meine Ex-Freundin gerichteten Worte: Also Beate, ich bin echt froh, dass es aus ist. Du bist eine Niete im Bett, selbst Bügeln war spannender als Sex mit Dir. Das Einzige, was an Dir gut roch, war Deine frisch gewaschene Kleidung. Du bist mindestens genauso nervig wie Deine Mutter. Ich hasse Hunde, mag keine Kinder und einmal die Woche treffen reicht mir generell, sonst war ich aber ehrlich zu Dir. Übrigens, Du hattest noch Deine Stutzstrümpfe, Schlafmaske und weiteres Zeug bei mir herumliegen. Brauchst den Mist nicht mehr abzuholen, habe ich bis auf die Leggings weggeschmissen. Die Dinger passen mir ganz gut.
Wenn ich ein Feigling wäre, stünde ich nicht hier.
Wenn ich ein reicher Mensch wäre, kaufte ich mir immer sofort alles, was ich haben will. Führe ein dickes Auto, wohnte in meiner Traumwohnung, unternähme teure Urlaubsreisen. Spräche mit meinen Freunden viel über Geld und Dinge, die man damit machen kann. Und wäre wahrscheinlich keinen Deut glücklicher als jetzt.
Wenn ich ein Macho wäre, machte ich klare Ansagen an die Frauen: Du, Du und Du, Ihr drei bewegt Euren süßen Hintern nachher in den Backstage-Bereich. Den Schampus könnt Ihr selbst mitbringen. Groupiesex und Toiletten putzen ist angesagt, entscheidet Euch, wer was macht.
Wenn ich ein böser Mensch wäre, ergötzte ich mich an all dem Leid und Elend in der Welt. Hunger, Krieg, Krankheit, Elend – alles ist im Angebot. Einfach den Fernseher oder Rechner anschalten und genießen.
Wenn ich ein zufriedener Mensch wäre, fände ich mein Leben schön. Freute mich morgens nach dem Aufstehen auf den Tag. Träfe tagsüber nette Leute und hätte bei der Arbeit halbwegs Spaß. Und abends fiele ich erschöpft und glücklich ins Bett. Moment, ich merke gerade, dass ich zufrieden bin.
Wenn ich ein Narr wäre, gäbe ich meinen gut bezahlten Job auf und verzichtete auf die sich abzeichnende Karriere. Tschüss Arbeitszeiten, Kollegen, Zwänge - hallo Freiheit, Ruhm, Selbstverwirklichung. Den eigenen Traum jenseits der Konventionen leben. Malen. Singen. Schreiben. Reisen. Sprachen lernen. Tanzen. Welch ein absurder Gedanke!
Wenn mein Leben normal verlaufen wäre, wohnte ich jetzt in einer Reihenhaushälfte. Hätte Nicole Vogel geheiratet und trüge jetzt den Doppelnamen Vogel-Strauß. Gäbe meiner Frau abends einen Wiedersehenskuss und spielte dann mit Laura-Shakira oder Finn-Amon. Genösse die mit Elternbesuchen, Familienausflügen und Kinderterminen vollgepackten Wochenenden. Ahh, da lobe ich mir doch das Singleleben. Die gesamte Freizeit so zu gestalten, wie man es will. Das ganze Sofa und Bett für sich haben. Mit niemandem reden müssen und seine Gedanken für sich selbst zu behalten. Ein Hoch auf die Einsamkeit!
Wenn ich ein ehrlicher Mensch wäre, behauptete ich jetzt, all das Gesagte Geschriebene ernst gemeint zu haben.
Laura-Shakira Vogel-Strauß. Fein, liest sich fröhlich und flutscht. Glückwünsche an des Vogels Strauß.
Nett, nett! :-)
Nur WÜRDE ich mir wünschen, Du WÜRDEST Konjunktive manchmal auch einfach in der umgangssprachlichen Würde-Form bilden. Das WÜRDE weniger gestelzt klingen und
WÜRDE weniger anstrengend zu lesen seinwäre weniger anstrengend zu lesen. Und wir WÜRDEN trotzdem nicht an Deinem großartigen Intellekt zweifeln. ;-)@ Blue
Danke(, dass Du die Fröhlichkeit erkannt hast!)
@ TRS
Hätte, wäre, wenn… ;)