Mein Cousin Tim war nach London gezogen, weil ihn das Kleinstadtleben in Paderborn gelangweilt hatte. Von der britischen Metropole versprach er sich Abwechslung und Glamour. Den Kick im Berufsverkehr, eingequetscht zwischen Wildfremden in der überfüllten U-Bahn. Das Überlebenstraining in dem WG-Zimmer, welches die Bezeichnung Loch verdiente. Die Jobsuche im umkämpften Arbeitsmarkt, bei der Tim aufgrund seiner schlechten Englischkenntnisse mit Heerscharen von Indern, Afghanen und einer Handvoll eingewanderter Franzosen konkurrierte. Im Ausland rotteten sich Landsleute oft zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Tim bewies Schläue und ging regelmäßig zu einem deutschen Stammtisch. Donnerstags um 20 Uhr fanden sich im Löwenbräu, einem Abklatsch des Hofbräuhauses, in dem jeden Abend Hunderte Maß Bier und andere bayerische Spezialitäten weggingen, Deutsche, die es nach London verschlagen hatte, ein. Zwei oder drei Stunden unterhielt sich der Yuppie mit deutschem Diplom und englischem Master mit dem Zivi im deutsch-englischen Kindergarten, die Praktikantin im Goethe-Institut mit meinem Cousin, dem Callboy der Herzen. Tim hatte Glück und bekam ihre Nummer saß eines Tages neben Andy, einem hemdsärmeligen Rheinländer Anfang Fünfzig, der seit zehn Jahren das Hostel Footprints betrieb und ständig Aushilfskräfte suchte. Ich möchte nicht verschweigen, dass Tim einige Wochen zuvor im Löwenbräu zur Probe gearbeitet hatte, was gründlich in die Hose gegangen war. Mehrere Liter verschüttetes Bier und ein knöchelhoher Scherbenhaufen sprachen für sich. Andy ahnte davon nichts und bot Tim an, sich eine Woche im Footprints zu beweisen. Tim griff nach diesem Strohhalm, strengte sich für seine Verhältnisse anscheinend an und wurde zu Andys Mädchen für alles. Tim blähte seine Verantwortung im Footprints in den Skype-Telefonaten mit seinen Eltern so sehr auf, dass sich die Lüge vom Erfolg in der Ferne mühelos aufrechterhalten ließ und meine Tante bei jeder Familienfeier schwärmte, wie gut sich Tim doch in London zurecht fände. Mit der Zeit verschwanden seine Gewissensbisse und er begann, Freunde und Verwandte in seine Wahlheimat einzuladen.
Nun hockte ich in der British Airways - Maschine nach London, mit den Knien an die Rückseite des Vordersitzes gepresst. Meine Vorfreude über die Reservierung eines Fensterplatzes und auf das Wiedersehen mit Tim wurde durch den Ausblick auf den Wolken verhangenen Himmel gedämpft. Meine Hand stieß vor und entwandte der Sitztasche vor mir das Fantasy-Taschenbuch, welches ich mir im Zeitschriftenladen am Düsseldorfer Flughafen gekauft hatte. Die Kotztüte und den Merkzettel zur Benutzung der Schwimmweste legte ich zurück. Beim Fliegen wurde mir nicht schlecht und die Wahrscheinlichkeit des Ertrinkens nach einem Flugabsturz war gleich null. Man starb für gewöhnlich schon in der Luft. Ich streckte meine Beine aus, da auf dem Mittelplatz ein Sitzgurt vereinsamte. Als vorletzter Passagier schritt eine große Frau mit schulterlangen blonden Haaren die Sitzreihen ab und stoppte auf Höhe der Reihe 23. Dort, wo ich mich gerade ausbreitete. Der Anzugträger links außen schnellte hoch und ich zog meine Beine ein. Die Frau hatte eine sehr gute Figur und musste vor zwanzig Jahren eine wahre Schönheit gewesen sein. Wir begrüßten uns kurz, dann blätterte ich den Anfang des Buches auf. Als ihr Sitzgurt einrastete, meldete sich unser Pilot im lupenreinen Oxford-Englisch zu Wort. Er berichtete von Regenschauern und Sturmböen, die London-Heathrow heimsuchten. Unser Abflug verzögere sich um mindestens eine Stunde. In einer Zeit, in der Vulkanaktivitäten noch nicht den ganzen europäischen Luftverkehr lahm legten, genügte eine so genannte Schlecht-Wetter-Front, um die eng gestrickten Flugpläne durcheinander zu wirbeln. In diesem Moment beging ich den Fehler des Tages und wer sich nicht für Monologe verrückter Menschen begeistern kann, sollte es mir nicht gleich tun. Wer sich den Glauben an das Gute im Menschen erhalten will, möge die folgenden Absätze überspringen.
Während der Pilot uns über die Wetterkapriolen informierte, kniff meine Sitznachbarin ihre Augen zusammen und schwenkte ihren Kopf hin und her. Ich deutete ihre Mimik als Hinweis auf ausbaufähige Sprachkenntnisse und fasste den Inhalt für sie in einfache deutsche Worte: Das Unwetter über Heathrow brocke uns mindestens eine einstündige Verspätung ein. Sie bedankte sich und begann zu erzählen: Ihre jüngere Tochter studiere seit einem Jahr BWL in London. Sie hätte sich zu einer so gut aussehenden und selbstbewusster Frau entwickelt. Bei den Anlagen der Mutter wurde ich hellhörig, vielleicht würde ich am Kofferband als der “sehr nette und verständnisvolle Herr Strauß” vorgestellt werden. Als Jugendliche habe die Tochter nämlich unter einem hormonellen Defekt gelitten. Ihre Eierstöcke hätten sich nicht richtig entwickelt gehabt. Sie sei schrecklich dick geworden und die Pubertät hatte nicht einsetzen wollen. Erst der zehnte konsultierte Arzt hatte die erlösende Diagnose gestellt. Wachsendes Entsetzen auf dem Fensterplatz 23F. Die Frau neben mir kannte zudem ein schwules Pärchen, die ein absolut angesagtes Restaurant in der Londoner City führten. Verspielte Einrichtung, experimentelle Küche und die High Society zu Gast. Ob nun unbedingt ein Mann mit einem Mann zusammenleben musste, da sei sie sich nicht sicher. Wenn ich nett Essen gehen wollte, sollte ich bei dem Laden anrufen und den Namen meiner Sitznachbarin nennen. Es sei allerdings etwas teurer. Geld spiele in ihrer Familie zum Glück keine Rolle. Ein Passagier in Reihe 23 passte wieder besser auf. Ihr Mann hatte damals von seinem Vater eine Fotokette geerbt, ausgebaut und an eine Supermarktkette verkauft. Die Fluglinie in Familienhand und die Skihalle Neuss wärfen Einiges ab. Sie persönlich stamme aus einfachen Verhältnissen und habe Glück gehabt ihn kennenzulernen. Leider hatte ihr Mann viel um die Ohren. Ein bisschen mehr Entspannung täte ihm gut, zwei Wochen Ski fahren pro Jahr reichten nicht. Sie persönlich liebte Yoga. Die Übungen waren gut für Körper und Geist, die Lehren klangen plausibel. Sie glaube zwar an eine höhere Kraft, die die Geschicke der Menschen lenke, mit Gott könne sie aber wenig anfangen. Ich hätte am liebsten “Herr, erbarme Dich mein!” geschrieen! Die Kraft der Sonne treibe doch alles an. Erde, Natur, Pflanzen auf dem Felde, Menschen in ihrem täglichen Tun und Tiere lasse sie auch nicht kalt. Ihr Hund, der mittlerweile sehr alt geworden sei und sein Hinterteil kaum noch bewegen konnte, blühte bei blauem Himmel und Sonnenschein auf. Tiere fühlten Dinge, die Menschen entgingen. Sie hätten eine Seele wie wir. Sie ernährten sich sogar gesünder. Unser Wasser aus Plastikflaschen sei verseucht. Feine Fäden lösten sich von der Flascheninnenseite ab und nisteten sich in unseren Mägen ein. Das Gemüse im Supermarkt strotzte vor Dünger- und Pflanzenschutzmittel-Resten. Vitamine suche man im Obst vergebens. Eigentlich könne man gar nichts mehr essen.
Jegliche Gegenwehr auf dem Fensterplatz 23F erlosch und ich ließ weitere 1 1/2 Stunden Schwachsinn, den ich mir nicht besser hätte ausdenken können, über mich ergehen. Wir kamen auf alle wesentlichen und unwesentlichen Themen, die Menschen jemals beschäftigt hatten, zu sprechen. Das heißt nein, sie erwähnte sie, versündigte sich Dutzende Male gegen den gesunden Menschenverstand und ich, das Opfer, hörte zu. Meine zwei Lehren aus dieser Tortur: Kein Wasser aus Plastikflaschen mehr trinken. Keine Fensterplätze mehr buchen und so barsch wie möglich im Flieger auftreten. Bis 30 die ersten Millionen scheffeln, um auch so eine tolle Frau an mich zu binden. Familiär begüterte Ehepartner bemitleiden, die jemand Attraktives aus einfachen Verhältnissen geheiratet haben. Und das Schlimmste Schönste am Kernteil dieser Geschichte ist, dass sie sich so zugetragen hat. Großes Schriftsteller-Ehrenwort.
Der Autor verschweigt hier jedoch, dass er die jüngere Tochter der Blondine später noch in London kennenlernte. Ich erinnere mich zwar nicht mehr an die Details (war es in der Empfangshalle von Heathrow oder in besagtem Restaurant an einem der nächsten Abende?), aber in unserem Telefonat (vor geraumer Zeit) war davon jedenfalls irgendwie noch die Rede gewesen…
Großes Kommentatoren-Ehrenwort!
@ TRS
Ich glaube, dass Du die Kommentar-Rekordzeit aufgestellt hast! ;) Nein, da verwechselst Du etwas - bei der von Dir erwähnten Bekanntschaft handelte es sich um eine andere gute Partie…
Und was ist jetzt mit Tim? Den werten Leser interessiert doch nicht die nächste Episode von “Der Jungpoet auf der Flucht vor der Schreibmaschine mit (ehemals) attraktiven Sitznachbarinnen und absurden akustischen Erlebnissen.” Nein, wir wollen “Tim, den Renegaten des Großstadtdschungels.” Also alle Leser, stimmt mit ein: “Wir wollen Tim! Tim! Tim! Timmieeeee!”
@ Clem
Tim gibt es n- äh wer ist Tim? Ach ja, mein geliebter Cousin… Vielleicht überlege ich mir ‘was. ;)